Entstehung und Verbreitung

der Waldorfpädagogik

 

Die erste Waldorfschule

Die erste Waldorfschule wurde im September 1919 in Stuttgart eröffnet. Emil Molt, der Inhaber der Waldorf-Astoria Zigarettenfabrik, hatte gegen Ende des Ersten Weltkriegs - in einer Zeit der Umwälzungen der sozialen Verhältnisse - mit einer betrieblichen Erwachsenenbildung begonnen und wollte, um einem dringenden Notstand zu begegnen, eine Schule für die Kinder seiner Fabrikarbeiter schaffen.

Er hatte erkannt, dass die soziale Frage und damit die Frage der Menschenwürde zu einem Großteil eine Erziehungs- und Bildungsfrage ist. 

 

 

Rudolf Steiner, der Begründer der Anthroposophie, übernahm die Einrichtung der neuen Waldorfschule und arbeitete bis zu seinem Tode im Jahre 1925 zusammen mit den Lehrern an der praktischen Ausgestaltung der von ihm entwickelten Pädagogik.

Die erste Waldorfschule war wie alle folgenden Waldorfschulen nicht als Privatschule gedacht, sondern als öffentliche Schule in freier Trägerschaft. Heute wie damals wirken die Waldorfschulen im gesellschaftlichen Bereich und tragen damit wesentlich zur Erfüllung der öffentlichen Bildungsaufgabe bei.

Bis 1930 waren acht Waldorfschulen in Deutschland gegründet worden, die alle während der nationalsozialistischen Zeit verboten wurden. Nach dem Zweiten Weltkrieg breitete sich die Waldorfschulbewegung verstärkt neu aus. Heute gibt es etwa 600 Schulen in aller Welt, davon über 225 in der Bundesrepublik Deutschland. Seit dem politischen Umschwung in Osteuropa findet die Waldorfpädagogik auch dort großen Anklang.


 

Gründung  und  Bau  der  Waldorfschule Karlsruhe

Über E.A. Karl Stockmeyer verbindet sich Karlsruhe mit der Waldorfbewegung. In Malsch geboren und aufgewachsen, im badischen Schuldienst tätig, hörte er 1904 in Karlsruhe erstmals Rudolf Steiner, an dessen Seite er dann 1919 mit Emil Molt und Herbert Hahn am Aufbau der ersten Waldorfschule in Stuttgart wirkte. Ein Verzicht auf eine Schulgründung 1946 zugunsten Pforzheims konzentrierte die Kräfte aller Freunde und Eltern auf den Nachbarn. 30 Jahre lang fuhren manchmal 150 Schüler täglich die 30 km mit der Bahn zur Pforzheimer Schule.

Als Antwort auf Bildungsreform und Vorschulerziehung gründeten Eltern und Freunde in Karlsruhe 1969 einen Waldorfkindergarten- und Waldorfschulverein. Innerhalb von zwei Jahren entstand im Stadtteil Rintheim ein Kindergarten mit drei Gruppen und einem eigenen Haus. Zu gleicher Zeit bildete sich ein pädagogischer Arbeitskreis.

Als 1975 eine Gruppe Lehrer aus Karlsruhe, angeführt von Pfarrer Christof Klemp aus der Christengemeinschaft, in der Pforzheimer Lehrerkonferenz von ihrer Arbeit berichtete, war es so weit: Aus dem Arbeitskreis war ein Gründungskollegium herangereift. Pforzheim stellte mit Herrn Beyersdorffer den Gründungslehrer, eine Gruppe initiativer Eltern stand bereit.

Im Dezember 1976 wurde die Genossenschaft als wirtschaftlicher Träger der Schule gegründet und am 16. August 1977 begann der Unterricht für die Klassen 1 - 5 nachmittags in der dem Bauplatz benachbarten Ernst-Reuter-Schule.


 

Der Müllerbau

Im Mai 1977 hatte nach langen Verhandlungen mit der Stadt im zentralen Bereich der Waldstadt der Neubau eines ersten Schulgebäudes begonnen werden können. Nach nur sieben Monaten Bauzeit wurde der Unterricht im Januar 1978 in das eigene Gebäude verlegt.

Nachdem die Raumreserven des ersten Bauabschnitts (jetzt "Müllerbau" nach dem Architekten Müller genannt) nur bis 1980 für die regelmäßig wachsende Schule ausreichten, schaffte ein "Pavillon" als dauerhaftes Provisorium die Zeit, um eine Gesamtkonzeption für den weiteren Ausbau der Schule zu entwickeln.

Heute sind darin ein Teil des Gartenbaus, die Metallwerkstätten und das Buchbinden untergebracht.


 

Der Altbau

 

 

 

 

 

 

 

Auf der Grundlage des Entwurfs von Architekt Jens Peters aus Stuttgart wurde der Neubau (heute: „Altbau“) schrittweise entsprechend dem wachsenden Raumbedarf und unter Abwägung der Risiken ausbleibender Zuschüsse fertiggestellt.

Im Mai 1984 wurde die Fertigstellung des Schulbaus und des Bühnensaals durch die Schulgemeinschaft im Rahmen der Jahrestagung des Bundes der Freien Waldorfschule mit über 1.000 Gästen gefeiert.


 

Die Zweizügigkeit

So konnte der Eindruck entstehen, die Phase des äußeren Aufbaus und Wachstums unserer Schule sei beendet: mit fast 470 Schülern und 35 Lehrerinnen und Lehrern schien die Schule auch längerfristig die ihr angemessene Größe erreicht zu haben. Dabei blieb aber unberücksichtigt, dass die Anziehungskraft der Waldorfschulen ungebrochen ist: Jährlich mussten Bewerbungen für die 1. Klasse in Klassenstärke(n) abgewiesen werden. So stellte sich schneller und dramatischer als erwartet die Frage der künftigen Schulentwicklung, sprich: Beginn eines Parallelzuges in der 1. Klasse.

Vom Kollegium eingeleitet hat sich die Schulgemeinschaft nach rund 1½ jährigem Prozess der Meinungs- und Willensbildung durch das Votum der Eltern-Lehrer-Konferenz vom 29. März 1990 auf den Weg zur zweizügigen Karlsruher Schule begeben.

 Der Aufbau der zweizügigen Schule

In einem ersten Schritt wurde aus den bisherigen Erfahrungen ein Idealkonzept für die zweizügige Karlsruher Waldorfschule abgeleitet und vom Architekten dargestellt. Wesentliche Teile der Erweiterung umfassen neben den notwendigen Fach- und Klassenräumen eine vergrößerte zweite Turnhalle, die vielfältige Nutzung zulässt, und ein großer Saal, der mit 800 Sitzplätzen Stadttheaterqualität hat.

Die Durcharbeitung des Projekts zwischen Architekt, Kollegium und Baukommission ergab die Vorentscheidung, nicht zwei Züge nebeneinander, sondern eine große Schule zu entwickeln, in der die einzelnen Altersstufen mit Bezug zu den Entwicklungsschritten den Fachräumen zugeordnet sind. Die Zuordnung erfolgt so, dass jeder Schüler in seiner Schulzeit zweimal das Gebäude „durchwandert“ und so auch immer die anderen Altersstufen wahrnehmen kann.

Der stufenweise Ausbau

Die Gegenüberstellung des Projektes mit den zu erwartenden Kosten ergab, dass das Vorhaben nicht in einem Zug realisiert werden konnte. Die ersten Jahre der Zweizügigkeit konnten noch durch ein „Zusammenrücken“ in den vorhandenen Gebäuden ermöglicht werden.

Im Herbst 1994 wurde mit dem Abschnitt 1A des Neubaus begonnen, September 1996 konnte die Einweihung gefeiert werden.

Die Abgrenzung des Abschnitts erfolgte einerseits nach dem dringlichsten Raumbedarf, andererseits unter Berücksichtigung der Leistungsfähigkeit, aber auch der Leistungsgrenzen der Elternhäuser.

Die Zusage staatlicher Förderung für den Bauabschnitt 1A war Voraussetzung, um einen weiteren, kleineren Bauabschnitt 1B in Angriff zu nehmen. Die Bauleistungen der Firmen wurden im Wesentlichen bereits 1999 abgeschlossen, im Oktober des Jahres konnten die ersten Räume bezogen werden.

Auch damit sind noch nicht alle notwendigen und wünschenswerten Räume für die zweizügige Schule verfügbar. Weitere Bauabschnitte (2A/2B) oder Provisorien sind erforderlich, um den weiteren Raumbedarf der wachsenden Schule zu decken. Aus dem modifizierten Raumprogramm für 2B wurde inzwischen kurzfristig ein Provisorium für Eurythmie und Spielturnen im Januar 2002 fertiggestellt. Der Holzbau mit einer Nutzfläche von etwa 130 m² wird mittelfristig in den Baukörper des Bauabschnitts 2B integriert.

 Gartenbau II

Da direkt angrenzend an das Schulgelände keine Freiflächen für die notwendige Erweiterung des Gartenbaus zur Verfügung standen, wurde 1997 einen Kilometer nördlich der Schule ein Gelände gepachtet. Dort steht seit 2004 ein weitgehend in Eigenarbeit geplantes und errichtetes Gebäude, in dem ein Unterrichtsraum und die nötigen Nebenräume für den Gartenbau des 2. Zuges untergebracht sind.


 

 Der Südwestbau

Im Südwesten des Schulgeländes wurde 2003 ein überwiegend eingeschossiger „Südwestbau“ mit einer Nutzfläche von 279 m² errichtet. Die Räume dienen jetzt der Unterbringung des Hortes. Die Schule erhielt für den Südwestbau von der Software AG – Stiftung einen Zuschuss, die damit die Unterbringung der Parzival Schulen in den Räumen unserer Schule für die ersten Jahre bis zu deren Umzug in ein eigenes Schulgebäude unterstützte. Die Finanzierung ist trotz bisher zögerlicher Bauspenden für die nächsten Jahre gesichert.

 Ein Schulbau – offen für die Zukunft

Unsere Schule ist geprägt von dem Bauprozess und stellt sich als gestreckte Spirale dar, mit fächerförmig angehängten Klassentrakten, mit dem „Saal“ als Mittelpunkt. Jeder Besucher folgt der Bewegung, vollzieht die Spirale im Weg von der Haltestelle oder den Parkplätzen zum Haupteingang nach.

So komplex und verwirrend das Innere zunächst erscheinen mag, die Schüler fühlen sich zu Hause, selbst die Kleinen finden treppauf, treppab jeden Raum im Haus, erobern sich pausenweise, schrittweise das ganze, vielfarbig-lebendige Gebäude.


 

Die  innere  Entwicklung  der  Schule

Die Entwicklung der Pädagogik von der Gründung der Schule bis in die Gegenwart lässt sich nicht so augenfällig dokumentieren, wie es bei der allmählichen Entstehung der Baugestalt möglich ist.

Es würde unserer Auffassung von Pädagogik auch widersprechen, periodisch neue Konzepte zu ersinnen und auf die Kinder anzuwenden. Der Wandel ist ein stetiger und er findet meist unauffällig in der immer wieder neu zu greifenden Gestaltung der Unterrichte statt.

 Einige Veränderungen sind aber durchaus sicht- und darstellbar.

In den ersten 20 Jahren der Schule war der Bedarf einer Betreuung der Kinder nach Ende des Unterrichts noch gering. Eine Elterninitiative betreute die „Wartestunde“, in der die jüngeren Geschwister sich aufhalten konnten, bis sie gemeinsam mit den älteren abgeholt wurden. Erst in den 90er-Jahren war die Frage nach weitergehender Betreuung der Kinder so stark geworden, dass die Gründung eines Hortes pädagogisch sinnvoll und wirtschaftlich darstellbar war.

Die immer stärkere Durchdringung des beruflichen und privaten Alltags mit der Nutzung des Computers führte zur Einführung des Unterrichtsfachs Informatik, in dem die Schüler die Grundprinzipien der Hardware und des Programmierens kennen lernen. Die sachgerechte Nutzung der modernen Informationstechnologien ist Gegenstand anderer Unterrichte.

Während des Aufbaus der Zweizügigkeit arbeitete die „Oberstufenkommission“, eine Delegation aus Eltern und Lehrern, an der Frage nach einer zeitgemäßen Pädagogik im dritten Lebensjahrsiebt. Auf diese Arbeit geht die Einführung der drei großen Praktika und der Jahresarbeiten in der 12. Klasse zurück. Auch die Gedanken, die zu den Eigenbeurteilungen der Schüler in den 11. Klassen und zu den Praktika in den naturwissenschaftlichen Fächern führten, haben dort ihren Ursprung.

In den Strukturen der Schule vollzieht sich ebenfalls ein stetiger Wandel.

Die Zweizügigkeit an sich stellte alle Mitglieder der Schulgemeinschaft vor die Herausforderung, soziales Leben bewusster zu ergreifen. In der einzügigen Schule kannte fast Jeder Jeden, die Schule war überschaubar. Kommunikationsprozesse müssen heute gestaltet werden, die verschiedenen Aufgabenfelder im Schulorganismus bedürfen einer klaren Strukturierung. Die Einführung unseres Managementsystems „Wege zur Qualität“ 2004 war die notwendige Antwort auf diese Fragestellungen.

Auch die Form der Zusammenarbeit von Eltern und Lehrern hat sich gewandelt. Ort des klassenübergreifenden Austauschs war bis 2007 der Elternrat. Kristallisierte sich dort ein Thema heraus, das einer gemeinsamen Beschlussfassung bedurfte, so wurde „projektbezogen“ zu einer Eltern-Lehrer-Konferenz eingeladen. Heute ist der Schulrat, der paritätisch mit Eltern und Lehrern besetzt ist, Ort gemeinsamer Entscheidungen.