„Unterschiede trennen nicht, sie erweitern den Blick“

Interview mit Florence Cartet und Julie Mervele zum deutsch-französische Austausch mit dem Landwirtschaftsgymnasium LEGTA d’Obernai.
04. Februar 2026 | FWSKA! – Schüler*innenzeitung

FWSKA!: Wie ist der deutsch-französische Austausch zwischen Obernai und unserer Schule überhaupt entstanden?

Florence Cartet (FC): Der Austausch entstand vor fast zehn Jahren aus einer Notsituation. Meine damalige Partnerschule in der Bretagne sagte eine vorbereitete Reise kurzfristig ab. Während der Weihnachtsferien suchte ich intensiv nach einer neuen Schule und veröffentlichte Anzeigen beim Deutsch-Französischen Jugendwerk (OFAJ/DFJW).

Julie Mervele (JM): Ich war gerade neu am Landwirtschaftsgymnasium „LEGTA d’Obernai“ und suchte eine Partnerschule in Deutschland, möglichst grenznah. Dann sah ich Florences Anzeige, antwortete – und wenige Monate später trafen wir uns bereits zur ersten gemeinsamen Woche in Triberg.

FC: Schon nach den ersten Gesprächen wurde klar, dass wir viele Gemeinsamkeiten haben. Die Schule in Obernai ist ein Landwirtschaftsgymnasium, bei uns gibt es Gartenbauunterricht, Praktika auf Bauernhöfen und einen starken Bezug zur Natur. Nachhaltigkeit, Umweltbewusstsein und verantwortungsvoller Umgang mit Ressourcen spielen an beiden Schulen eine große Rolle.

JM: Genau. Uns verbindet außerdem, dass wir Schule nicht nur als Ort von Unterricht verstehen, sondern als Lebensraum. Naturerfahrung, künstlerische Arbeit, Bewegung und gemeinsames Lernen sind für beide Schulen wichtig. Deshalb haben wir sehr schnell gemerkt: Das passt – auch pädagogisch.

FC: In den vergangenen Jahren waren wir mit unseren Austauschgruppen dann an ganz unterschiedlichen Orten unterwegs – angefangen mit unserer ersten „Drittortbegegnung“ in Triberg im Schwarzwald, über Aufenthalte in Annecy im Alpenraum, am Wattenmeer, im Odenwald, bis hin zum Lac du Salagou bei Montpellier und in der Bretagne, unter anderem in Concarneau; als nächstes steht der Nationalpark Berchtesgaden auf dem Plan.

FWSKA!: Was ist das Ziel des Austauschprogramms?

FC: Wir wollen Begegnungen ermöglichen, Sprache erlebbar machen und unterschiedliche Kulturen kennenlernen. Unsere Programme enthalten immer Elemente wie Kunst, Kultur, Sport, Natur und Sprachanimation. Außerdem spielt Landwirtschaft und Naturerlebnis eine Rolle, da unsere französische Partnerschule ja ein Landwirtschaftsgymnasium ist.

FWSKA!: Wie laufen diese Austauschwochen ab?

FC: Ein Jahr sind wir eine Woche in Deutschland, im nächsten Jahr in Frankreich. Wir besuchen UNESCO-Orte oder Naturparks und integrieren landwirtschaftliche Themen, weil dadurch Fördermittel möglich sind. Die Gruppen sind bewusst klein – etwa 20 bis 22 Schülerinnen und Schüler.

JM: Große Gruppen haben wir ausprobiert, das funktioniert pädagogisch nicht. Deshalb bereiten wir inzwischen sehr gründlich vor und achten auf klare Strukturen.

FC: Zusätzlich gibt es Tagesbegegnungen, einmal in Karlsruhe und einmal in Obernai. Dort können mehr Schülerinnen und Schüler teilnehmen und sich schon kennenlernen.

FWSKA!: Welche Rolle spielt UNESCO in diesem Austausch?

FC: Unsere Schule ist UNESCO-Projektschule. Unsere Reisen führen daher oft zu Orten mit UNESCO-Status. Finanzierung bekommen wir dadurch zwar nicht, aber wir arbeiten die Inhalte pädagogisch in diesem Rahmen auf.

FWSKA!: Nach welchen Kriterien wählen Sie die Teilnehmenden aus?

FC: Teilnehmen dürfen Schülerinnen und Schüler der Klassen 9 bis 12. Wichtig ist, dass sie zuverlässig und verantwortungsvoll sind. Wir tragen die volle Verantwortung während der Woche, deshalb müssen wir uns auf alle verlassen können.

JM: Wenn wir merken, dass jemand noch nicht bereit ist, kann es sein, dass die Teilnahme auf das nächste Jahr verschoben wird. Es gibt Unterschiede in der Erziehungskultur – Frankreich ist strenger, Deutschland etwas lockerer. Wir sprechen das offen an und vermitteln Regeln, die für beide Seiten funktionieren.

FWSKA!: Was macht für Sie den Austausch wertvoll?

FC: Dass junge Menschen erleben, wie viel sie voneinander lernen können – fachlich, kulturell und menschlich.

JM: Und dass sie merken: Unterschiede trennen nicht, sie erweitern den Blick.

Die FWSKA! ist unsere Schüler*innenzeitung. Sie erscheint unregelmäßig im Einblick, unserem Schulmagazin, und hier auf der Website.